[b][u]Kapitel 4 - Alte Fchse gehen schwer in die Falle[/u][/b]
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Wieder wanderte Tod emsig durch das Unterholz und war auf Nahrungssuche. Nur, dass er diesmal nicht nur fr sich allein suchte, denn er schuldete dem Python ja immer noch ein Ei. Nicht, dass er besonders viel darauf geben wrde, seine Schuld bei dem gierigen Reptil zu begleichen, aber die Aussicht nebst Dexter auch noch die Schlange hinter sich her zu haben, erschein der Maus nur wenig wnschenswert. Und dass der Tigerpython - Abmachung hin oder her - einen ihn betrgenden Nager auffra, war hinreichend bekannt. Also wrde er wohl nicht umzukommen, ihm, wie auch immer, ein Ei zu besorgen.

Doch bislang verlief die Eiersuche erfolglos. Kein Wunder, denn die wenigsten Vgel wrden dort ihr Nest bauen, wo jede x-beliebige Maus, so mir nichts dir nichts, eines ihrer kostbaren Eier erbeuten knnte. Diejenigen, die fliegen konnten, bauten ihre Nester in den Bumen, und dort wre Tod potenziellen Angreifern schutzlos ausgeliefert. Ganz zu schweigen davon, dass eine Maus nicht auf die Bume gehrt, sondern auf den Boden. Aber selbst die Tiere, die ihre Nester am Boden bauen, tun dies nur an solchen Orten, an die eine Maus nur schwer rankommen kann. Und auerdem hten sie ihre Eier wie ihren Augapfel, was es Tod nicht gerade leichter machte, denn eine Konfrontation mit einer Ente, einem Fasan oder gar einem Schwan knnte fr ihn tdlich verlaufen.

Vielleicht wrde sich die Schlange aber auch damit zufrieden geben, wenn Tod sie nur zu einem Nest fhren wrde? Wenn lediglich genug Eier drin wren, sollte das den Python milde stimmen. Nur wollte aber auch ein Nest erst einmal gefunden werden.

Noch bevor ihm jedoch ein solches ins Auge fiel, nahmen seine feinen Sinne etwas anderes wahr. Rasch blieb Tod stehen und richtete seine kleinen Mauseohren auf, um den Ursprung des Gerusches zu orten, und um festzustellen, ob das Etwas, welches das Gerusch verursachte, nher kam.

Das durch die Ferne leicht verschluckte Knurren, Kratzen und Schnaufen eines Kampfes, schien jedoch an einer Stelle zu verharren. Die Laute eines Kampfes zwischen den greren der Tiere des Waldes waren fr die Kleineren schon immer ein eindeutiges Zeichen, sich dem Geschehen nicht zu nhern und sich aus dem Staub zu machen. Aber dieser Kampf schien Tod anders vorzukommen, als viele andere, die er schon mitangesehen oder -gehrt hat. Mit knapp ber zwei Jahren auf dem Buckel, was fr eine Maus schon ein beachtliches Alter darstellte, konnte er von sich behaupten, schon einigen Kmpfen beigewohnt zu haben, und was ihm an diesem so merkwrdig vorkam, war das Fehlen von Gebell oder Gebrll, welches normalerweise einen Zweikampf begleiten wrde. Dieser 'Kampf' schien also ein eher einseitiger zu sein. Noch dazu kam Tod die Stimme, die er herauszuhren glaubte, seltsam bekannt vor.

Neugierig, wie kleine Muschen nun einmal sind, schlich Tod sich nher heran, um zu sehen, was dort vor sich ging. Die Quelle der Gerusche lag hinter einem groen, weitlufigen Erdhgel, dessen Oberflche, von ein paar knorrigen, halbtoten Bumchen mal abgesehen, nur die nackte Erde zierte. Es gab also keine Mglichkeit fr Tod, sich zu verstecken, was ein behutsames Vorgehen erforderte.

Vorsichtig und schnell flitzte er die Anhhe hinauf und suchte hinter einem der kleinen Bume, ganz oben auf der Erhebung, Schutz. Mit der Vermutung, dass dies kein Zweikampf sei, hatte Tod Recht gehabt, und auch die Stimme gehrte zu jemandem, den er sehr wohl kannte. Was er sah, als er ber den Kamm des Hgels blickte, lie ihn jedoch an der Treue seiner eigenen Augen zweifeln.

Dort unten, etwas ferner dem Fue des Hgels auf dem Tod gerade stand, an einem Baum,  hing der alte Fuchs Dexter fest wie angeklebt.

Einen Augenblick lang beobachtete die kleine Maus aus sicherer Entfernung das Geschehen und sah, wie sein langjhriger Erzfeind vergebens versuchte sich von dem Baumstamm zu befreien, an dem er hing. Dexter wand den Hals nach links und rechts und versuchte immer wieder nach etwas mit dem Maul zu schnappen, doch er schien nicht heranzukommen.

Tod war klar, dass das Gezappel des Fuchses vermutlich alle anderen Tiere verscheucht haben musste, die ihm hier gefhrlich werden konnten, also wagte er sich ein kleines Stck nher ran. Am Fue des Erdhgels angekommen, konnte er erkennen, was es war, dass den stolzen Fuchs am Verschwinden hinderte. Ein dnner Strick lag um seinen Hals und war vermutlich irgendwie um den Baum geschlungen. Sicherlich das Werk von Menschen!

Normalerweise htte Dexter Tod aus dieser geringen Entfernung schon lngst mit seiner empfindlichen Nase gewittert, jetzt aber trieben den Fuchs wohl andere Sorgen umher. Oder besser gesagt, sie hielten ihn fest. Und sie schienen ihn fest festzuhalten. Die Maus sah Dexter an, dass er bestimmt schon eine Weile hier festsa. Wtend schnaubte er vor Anstrengung und sein Fell war von den zahlreichen Fluchtversuchen zerzaust und schmutzig. Es war klar, dass dieser Fuchs nicht so schnell das Weite suchen wrde, und so beschloss Tod, sich den Spa zu gnnen.

Leger verlie er seine Deckung und tapste ber das offene Stck zwischen ihm und dem Fuchs, bis er, einen gewissen Sicherheitsabstand wahrend, vor ihm stehen blieb und sich auf die  Hinterbeine stellte. Frech streckte er ihm seien kleine Nase hin und fragte: Na...? Steckst du fest?

Als Dexter die kleine Maus vor ihm bemerkte, war seine Demtigung perfekt. Nicht nur, dass er sich nicht selbst befreien konnte, nun musste er als Fuchs auch noch die Erniedrigungen eines mickrigen, kleinen Nagers ber sich ergehen lassen. Was zum Teufel willst du, Maus?!, fauchte er Tod an.

Och... Ich war nur so in der Gegend unterwegs und da hab ich doch meinen guten, alten Freund Dexter gesehen. Da dachte ich mir, ich sag kurz Hallo. Und was machst du hier so?, fragte die Maus und fuhr sogleich fort: Nein, nein, warte! Nicht verraten! Du hngst hier einfach so n bisschen rum, stimmts?

Wtend knurrte Dexter die kichernde Maus an und versuchte nach ihr zu schnappen. Aber der Strick, der ihn an den Baum fesselte, war so kurz, dass er ihn nicht ansatzweise erreichen konnte. Tod bemerkte, dass das Seil sogar so kurz war, dass der Fuchs nicht selbst mit der Schnauze herankam, um es durchzubeien.

Wie ist denn das berhaupt passiert?, fragte er aus ehrlicher Neugierde heraus.

Das geht dich berhaupt nichts an, Nager!

Frech wie immer, stichelte Tod weiter. Du kannst es mir ruhig erzhlen. Ich meine, es ist ja nicht so, als ob du dringend irgendwo hin msstest.

Wieder zerrte und riss der starke Fuchs an der Schlinge um seinen Hals und wieder war seine Anstrengung vergebens. Als die kleine Maus den groen Fuchs da so wehrlos und gedemtigt vor sich zappeln sah, berkam sie fast ein Anflug von Mitleid. Aber eben nur fast. Na sag schon! Wie ist es den Menschen gelungen den groen und schlauen Fuchs in eine so primitive Falle zu locken?, spottete er weiter.

Das geniet du richtig, oder?, fauchte Dexter ihn giftig an. Mich hier so zu sehen, was?! Warte nur, bis ich hier raus komme! Dann hetz ich dich durch den ganzen Wald! Und dann wird dir auch dieser Regenwurm nicht mehr helfen knnen!!

Lustig grinste Tod den Fuchs an. Dazu msstest du da ja erst mal raus kommen, Dex!

Vor Wut stemmte sich Dexter mit aller Kraft gegen den Baumstamm und straffte den kurzen Strick zwischen ihm und seinem Hals an wie eine zum Zerreien gespannte Sehne. Nur, dass der Strick immer noch nicht reien wollte. Das einzige Resultat seiner Bemhungen war, dass sich die Schlaufe um seinen Hals noch enger zog und ihm die Luft nahm. Atemlos sackte er wieder mit der Schulter gegen den Stamm und schnaubte frchterlich, whrend er Luft in seine Lungen saugte.

Sieht nicht so aus, als machtest du groe Fortschritte, bemerkte Tod beilufig.

Blind vor Zorn und vllig wutentbrannt bellte Dexter die Maus an, dass es der ganze Wald htte hren mssen: VERSCHWINDE ENDLICH, TOD!!! MACH, DASS DU WEG KOMMST!!! HAU GEFLLIGST AB!!!

Und die ganze Vorstellung verpassen?!, fragte der Muserich laut. Ich dachte eher, ich bleib noch etwas und sehe zu, wie der Jger dir eins berzieht.

VERDAMMT NOCH MAL! ZIE ENDLICH LEINE!! HAU AB DU MIESER, KLEINER NAGER!!!

Als Dexter wieder anfing wie wild an dem Strick zu zerren und seine giftigen Worte bellte, bis er keine Luft mehr bekam, konnte Tod tatschlich etwas Angst in den groen Fuchsaugen erkennen. Vor Menschen hatte die Maus selbst keine Angst. Keinen Menschen hatte es jemals gegeben, der in den Wald geht, um eine Maus zu jagen. Aber einen Fuchs... Und dann auch noch so einen groen und prchtigen wie Dexter... Bestimmt wrde man ihm das Fell ber die Ohren ziehen.

Pltzlich begann Dexter wieder an dem Seil zu ziehen und kratzte hysterisch mit seinen Pfoten an der moosbewachsenen Rinde des Baumes, der ihn nicht aus seinem Griff entlassen wollte. Immer noch stand ihm die Angst in den Augen, aber sein Anfall schien diesmal nicht der kleinen Maus vor ihm zu gelten.

Was ist los, groer Fuchs?, fragte Tod. Hat die Panik von dir Besitz ergriffen?

Kurz hielt Dexter inne und drehte seine groen Fuchsohren nach hinten.

Was?, fragte Tod und reckte den Kopf in die Hhe, um zu lauschen. Doch seine kleinen Ohren konnten nicht so weit reichen wie die des Rotfuchses.

Abermals rttelte und riss er am Seil und schnrte sich dabei die Kehle zu. Die Menschen kommen wieder!, fauchte er alarmiert, die Schlinge fest um seinen Hals.

Tja dann..., sagte Tod und drehte sich um. War nett dich gekannt zu haben. Ich gr Marty von dir, wenn ich ihn sehe.

WARTE!, rief Dexter Tod hinterher und die Maus blieb stehen. Doch fr einen langen Augenblick schwieg der Fuchs. Solange, bis er wieder die Schritte der Menschen im Laub hren konnte, die immer nher kamen. Hilf mir hier raus!, befahl er forsch. Du kommst an das Seil ran. Nag es durch!

Ich?!, fragte Tod. Warum sollte ich? Hast du etwa schon vergessen, wie viele Male du versucht hast mich zu fressen?! Wie oft du mir aufgelauert hast und wie oft du mich durch den Wald gejagt hast?! Ganz zu schweigen von meiner Verwandtschaft!

Tatschlich ein wenig in Panik geratend, argumentierte Dexter dagegen: Das ist doch was ganz anderes!

Nein, das ist genau dasselbe!, warf Tod zurck und fgte gehssig hinzu, Nur, dass DU jetzt die Beute bist. Als Antwort zuckte Dexter nur wieder mit seinen aufgestellten Ohren, als die Menschen wieder ein Stck nher kamen. Diesmal waren sie schon so nah, dass selbst Tod sie durch das Unterholz marschieren hren konnte. Dann machs gut, Dex!, sagte die Maus und drehte sich wieder um, um zu gehen.

Warte, Tod!, rief Dexter und zog erneut am Seil. Lass mich hier nicht alleine... Doch dann zgerte der Fuchs einen Moment. Beschmt lie er den Kopf hngen. ...Hilf mir... bitte..., sprach er, leise und erbrmlich in seiner aussichtslosen Lage. An Peinlichkeit war die Situation nun kaum noch zu bertreffen. Er, ein stolzer, groer Fuchs, der allein ber mehr Erfahrung verfgte als zehn Jungfchse von Martys Alter, musste ausgerechnet sein Mittagessen um Hilfe bitten. Wut brodelte wieder in ihm auf. Da! Das wolltest du doch hren, oder?! Wie ich dich um Hilfe anbettele! Da! Da hast dus! Bitte, Tod, hilf mir!

Das hrt sich schon gar nicht mal so schlecht an, sagte Tod mit einem gnnerischen Lcheln im Gesicht. Aber damit ich dir helfe, musst du schon noch einen drauflegen.

Verdammt noch mal, Tod! Hr auf dummes Zeug zu reden und hilf mir endlich hier raus oder verschwinde geflligst!

Gut, sagte Tod, ich bin dann mal weg.

Mittlerweile war die Panik der Verzweiflung gewichen. In wenigen Augenblicken wrden die Menschen ber den Hgel kommen und dann wre Dexter geliefert. Nein, warte! Komm schon... bitte, Tod. Ich will nicht als Pelzmantel enden!

Tod blieb noch einmal stehen und blickte ber seine Schulter. Unter einer Bedingung!

Die Schritte der Menschen waren nun deutlich hrbar. Nur noch ein paar Sekunden und auch die Menschen wrden den Fuchs in der Falle hren knnen.

Was willst du?, fragte Dexter.

Du musst mir versprechen, mich in Ruhe zu lassen, verlangte Tod energisch. Fr immer!

Was?!

Du hast mich schon verstanden. Du wirst mich nie wieder jagen, mir auflauern oder versuchen mich zu fressen!

Die Idee gefiel Dexter berhaupt nicht. Sich von der Maus helfen lassen zu mssen war schon schlimm genug, aber dann auch noch nach ihrer Pfeife zu tanzen...

Oder, sprach Tod erneut, ich kann auch einfach gehen und schau mal, ob dus auch alleine schaffst.

Nein, nein! Warte! Verdammt! Die Maus hatte ihn in der Hand. Entweder er wrde auf den Deal eingehen, oder die Menschen wrden ihn erwischen. Wenn doch dieser vermaledeite Strick nicht wre. Er band ihn so kurz an dem Stamm an, dass er die Kordel nicht einmal sehen, geschweige denn erreichen, konnte.

Die Zeit luft, Dexter.

Okay, okay, okay! Ich lass dich in Ruhe. Versprochen!, schwor Dexter. Aber niemand wird jemals etwas darber erfahren, Verstanden!

Mit der Abmachung einverstanden, kletterte Tod eilig den Stamm empor und nagte an dem feinen Strick, whrend Dexter daran zog. Die Stimmen der Menschen waren bereits mehr als deutlich wahrnehmbar, als das verfluchte Ding unter Dexters stndigem Ziehen im letzten Moment endlich nachgab und mit einem kurzen, spitzen Schnalzen in zwei riss. Sofort raste Dexter los und verschwand wie ein roter Blitz im Wald, und kaum war er auer Sichtweite, hatten die Menschen den Hgel, der sie zuvor vor ihnen versteckt hatte, auch schon erklommen.

Um nicht selbst von ihnen entdeckt zu werden, verkroch sich Tod schnell unter den knorrigen Wurzeln des Baumes, als sie den Hgel heruntergelaufen kamen. Von seinem Versteck aus konnte er sehen, dass es zwei waren. Zwei Mnner mit Fell nur in ihrem Gesicht, der Rest ihrer Krper wurde von grnen Kleidern bedeckt. Selbst auf dem, Kopf trugen sie Stoffe, die ihre fahle Haut im Dickicht des Waldes vor den Tieren verbergen sollte.

Als sie endlich ber Tod zum Stehen kamen und die von ihnen aufgestellte Falle untersuchten, sah die Maus auch die langen Gewehre, die im Wald von allen Tieren so gefrchtet wurden. So waren die Menschen mit diesen Instrumenten dazu in der Lage, Tiere, ob Gro oder Klein, auch dann noch zur Strecke zu bringen, wenn sie sie nicht berhrten, ja sie mussten nicht einmal in ihrer Nhe sein! Selbst die flugfhigen Waldbewohner konnten ihnen nicht entkommen. Ein lauter Knall und dann wars auch schon um einen geschehen.

Der eine von beiden nahm den Strick in seine Hand und sprach etwas zu dem anderen. Tod konnte die Sprache der Menschen nicht verstehen, aber er war sich sicher, dass die schlauen Jger um das Entkommen ihrer Beute wussten und deshalb verrgert waren. Zum Glck schenkten sie den genaueren Umstnden ihres Verlustes keine groe Beachtung und so blieb Tod unentdeckt. Nach wenigen Augenblicken machten sich die beiden Gestallten wieder auf und verschwanden im Wald.

Als die Luft rein war, verlie Tod sein Versteck unter den Wurzeln, tat es Dexter gleich und machte sich schleunigst davon.

